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Donnerstag, 16. Februar 2017

Schulkummer





Das Buch „Schulkummer“ von Daniel Pennac sei allen ans Herz gelegt, die „mit der Schule zu tun haben“. Auch jenen, die diese Art von Schulkummer - nämlich den Kummer des Kindes, das an den Anforderungen der Schule scheitert -  niemals am eigenen Leib bzw. im Leben ihrer Kinder erfahren.
Der Autor schreibt nämlich nicht nur über die „Schulversager“, sondern über die Schule an sich; genauer gesagt, über das Lernen. Und das ist besonders erstaunlich, da sich der Autor als „Schulversager“ outet. Trotz aller Schwierigkeiten schaffte er – nach mehreren Versuchen – die Matura geschafft hat, studierte dann – und kehrte als Lehrer in die Schule zurück.

Das Buch ist ein Lob des „Akt des Lernens“ (und keine Leidens- oder Lebensgeschichte, auch keine Sammlung von Anekdoten aus der Schule): Es zeigt anschaulich, wie dieses Lernen im Unterricht Kinder in die Gegenwart – in ihre Gegenwart und in ihr Leben – zurückholen kann. Gerade auch jene Kinder, die von sich glauben, dass sie „für alles zu dumm sind“.
Besonders gefällt mir die Stelle, wo er die Null (0 Punkte ist in Frankreich die schlechteste Note) als ein Ei beschreibt, in dem der schlechte Schüler eingeschlossen ist und aus dem man ihn herausholen muss, damit er sich entfalten kann.

Obwohl das Buch nicht unbedingt brandneu ist (Erscheinungsjahr 2009) und einige gesellschaftliche Entwicklungen nur streift, ist es trotzdem aktuell, eben weil es hinter diese Entwicklungen schaut und die Interaktion „Lehrer – Schüler“ in den Mittelpunkt stellt.
Und ganz nebenbei ist es eine Liebeserklärung an die die (französische) Sprache, geschrieben von einem leidenschaftlichen Schreiber und Sprecher dieser Sprache.

Freitag, 28. Oktober 2016

Über Hochbegabung reden bzw. schreiben

Ein Interview mit Tanja Baudson, die auf scilogs über Hochbegabung bloggt.

Interessant daran ist, dass es hier einmal nicht über die Hochebgabung an sich geht (der Titel "Jeder Hochbegabte ist anders" ist irreführend) sondern darüber, wie und warum man über Hochbegabung sprechen, schreibe, kommunizieren soll. Mein Lieblingssatz in diesem Zusammenhang: "Was das Thema des Blogs betrifft, sehe ich das Problem, dass diejenigen, die wirklich Ahnung von der Materie haben, sich zu selten öffentlich äußern (einige wenige tun das häufig, aber das sind, wie gesagt, nur einige wenige); das eröffnet denjenigen mit einem soliden Halbwissen natürlich einen großen Spielraum. Über das Thema Hochbegabung wird leider nach wie vor noch viel Unhaltbares publiziert."

Zum Lesen und Stöbern hier das Interview und der Blog.

Montag, 24. Oktober 2016

"Medienmündig" von Paula Bleckmann



Paula Bleckmann: Medienmündig.
ISBN: 978-3-608-94626-0

Für mich ein typisches „Ja, eh – aber“-Buch, bei dem ich mir ziemlich oft gedacht habe: Ja, ist eh wahr – aber welchen Einfluss hat das auf mein Leben?
Zum Beispiel ist mir klar, dass Zeiten, die vor dem Bildschirm verbracht werden, logischerweise dann bei anderen Aktivitäten fehlen. Auch die Freizeit eines Kindes ist begrenzt, gerade in der heutigen Gesellschaft mit Ballett-, Englisch- und anderen Kursen.
Ja, in sozial schwächeren Schichten verbringen die Kinder tendenziell mehr Zeit vor diversen Bildschirmen, was ihrer Entwicklung nicht zuträglich ist. Ob daraus aber in direkter Ursache schlechte Schulnoten resultieren, wage ich zu bezweifeln.
Ja, ein Kleinkind oder ein junges Kindergartenkind haben wohl keinen oder nur wenig Nutzen vom Fernsehen. Und klar: Kein Kind wird einen Nachteil davon haben, wenn es vor der Schule noch nicht gelernt hat, mit einem Computer umzugehen. Das lernt es später immer noch.
Und ja: Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen TV-Konsum und Übergewicht nachwiesen, und andere, die einen Zusammenhang zwischen Aggressionen und Fernsehen/ Computer spielen zeigen. "Fernsehen macht dick und daumm"- kennen wir alle zur Genüge.

Obwohl das Buch keinen „Total-Abstinenz“ fordert, schrammt es für mein Gefühl sehr nahe dran.
Was so gut wie nie vorkommt, ist der Nutzen. Den gibt es maximal zwischen den Zeilen. Das finde ich schade, und es geht an der Realität vorbei. Sich gemeinsam mit einem kleinen oder größeren Kind den einen oder anderen Kurzfilm anzuschauen (und da macht es wenig Unterschied, auf welchem Medium) kann und darf ein nettes Erlebnis sein. Zum Beispiel, wenn die Mama erzählt, dass auch sie als Kind schon die Barbapapas gesehen hat. Da braucht mir keiner erzählen, dass das schädlich ist.
Genau werden sich die meisten Kindergartenkinder an Sendungen à la „Sendung mit der Maus“ oder „Willi will´s wissen“ erfreuen. Auch das ist ok und bedeutet nicht, dass sie der TV-Sucht verfallen sind (oder verfallen werden).
Auch gegen das eine oder andere Computerspiel ist wohl nichts einzuwenden; und auch nicht gegen den Einsatz des Computers in der Schule – dort, wo es sinnvoll ist (z.B. um jedem Kind zu ermöglichen, in seinem Tempo lesen zu lernen und zu üben).

Was problematisch ist, ist die „Dauerberieselung“ mit Medieninhalten (dazu zählt für mich auch das Radio oder „Hintergrundmusik“ in Dauerschleife) – aber das kommt im Buch kaum vor. Was sehr problematisch ist, ist (zu) junge Kinder (zu) lange alleine vor einem Bildschirm sitzen zu lassen. Aber das war wohl allen, die diese Buch kaufen und lesen, vorher auch schon klar.

Schade ist, dass die Kernbotschaft – und die unterschreibe ich zu 100% - zwischen diesen allseits bekannten (und noch dazu schlecht untermauerten) Argumenten untergeht: Kinder brauchen das echte Leben, also die direkte Teilhabe an der Welt: laufen, klettern, turnen, basteln, malen, in Regenlacken springen, Lärm machen, sich verkleiden, mit Bausteinen spielen, Bücher anschauen usw. Und Kinder sollten diese Welt gemeinsam mit ihren Eltern und anderen vertrauten Erwachsenen erleben. Und zwar so, dass die Erwachsenen tatsächlich dran teilnehmen und nicht einstweilen SMS schreiben, Fotos machen oder das Kind filmen.
Wenn Kinder das in ihrer Kindheit ausreichend erfahren können (und das geht naturgemäß mit weniger Bildschirmzeit besser), dann sind sie in großem Maß schon vor der „Mediensucht“ und vielen anderen Gefahren geschützt ;-).

PS: Ich finde es auch erstaunlich, dass man im Jahr 2016 ein Buch über Medien wieder auflegt, in dem das Wort Smartphone nicht vorkommt. Dort liegt für mich noch eine viel größere „Suchtgefahr“ - in diesem Format ist der Bildschirm immer verfügbar, man kann alles plötzlich nur noch mit einer App machen und fast alle 10-jährigen Kinder besitzen bereits eines. Dagegen ist der gute, alte Fernseher ein Klacks.

Dienstag, 18. Oktober 2016

(K)eine digitale Bildungskatastrophe?

Es ist doch eigentlich ganz einfach zu verstehen und es ist auch für alle Medien (und für viele andere menschliche Erfindungen) das gleiche Prinzip: Nicht die Sache an sich ist "schlecht/ böse" sondern die Art und Weise, wie sie von manchen Menschen verwendet wird.

Daher ist es wenig nützlich, für absolute Abstinenz zu plädieren.
Denn durch Abstinenz lernt man die richtige Verwendung ganz sicher nicht ;-).

Spannend finde ich am folgenden Text den Satz, mit dem der Gebrauch des Internets in der Schule verurteilt wird:
"Schule muss die jungen Leute von der Vorstellung abhalten, mit Hilfe moderner Medien könne man sich mühelos und punktuell die gerade gebrauchten Informationen einholen", mahnt Josef Kraus, Lobbyist der deutschen Lehrerschaft.
Ich würde nämlich meinen, dass gerade darin eine der Stärken des Internets - durchaus auch im Klassenzimmer - liegt: Schnell zu einer aktuell notwendigen Information kommen.
Ich schätze das übrigens auch immer wieder in Gesprächen mit Freunden: "Wie heißt die Brücke von Dänemark nach Schweden eigentlich und wie lang ist sie?" "Wie viele Einwohner hat Island denn genau?" - Ach schau das doch mal schnell nach!

Klar, diese Dinge stehen theoretisch auch im Lexikon - aber halt nicht in ihrer aktuellesten "Fassung" - und außerdem habe ich das ja nicht immer dabei. Und selbst wenn es zur Ausstattung der Schule gehört, dann sicher nicht in jeder Klasse ;-).

Anstatt also die Nutzung digitaler Technik - sei es als Laptop, Tablet oder Handy - zu verweigern, wäre es in meinen Augen Aufgabe der Schule, den SchülerInnen die sinnvolle Nutzung dieser Technik nah zu bringen. Natürlich nicht im Alleingang, sondern mit Unterstützung der Eltern.

So sieht das auch Margarete Hucht in ihrer Antwort auf Josef Kraus.

Dienstag, 11. Oktober 2016

"Schule neu" - ein Beispiel aus Deutschland

Der Artikel zeigt, wie man mit überschaubarem  Aufwand Schule "verbessern" kann. An diesem deutschen Gymnasium gibt es jeden Tag 2-3 sogenannte Dalton-Stunden: In diesen Stunden können die SchülerInnen selbstständig entscheiden, mit welchem Fach sie sich bei welchem Lehrer beschäftigen wollen. Den Rahmen dafür gibt der "Dalton-Planer" vor, in dem steht, was der Schüler in einem bestimmten Zeitraum zu lernen hat.

Mir persönlich gefällt die Möglichkeit, auch bei einem anderen Lehrer als den "angestammten Klassenlehrern" etwas nachfragen zu können. Denn ein anderer Lehrer erklärt vielleicht ein bisschen anders und dann versteht man es plötzlich ;-).

Außerdem ermöglicht dieses System - laut Artikel - mehr persönlichen Kontakt zwischen Lehrer und Schüler, da Fragen eben nicht zwischen Tür und Angel beantwortet werden müssen.

Und natürlich, last but not least, lernen die SchülerInnen selbst Verantwortung für ihre Lernprozesse zu übernehmen und werden dadurch selbstständiger. Also Lernen fürs Leben!

https://www.welt.de/regionales/nrw/article158626019/Hier-suchen-sich-Schueler-ihre-Lehrer-selbst-aus.html




Montag, 29. Februar 2016

Vernichtendes Urteil über die Studenten: Leseschwach und verantwortungsscheu

Obwohl ich es natürlich nicht objetkiv beurteilen kann - meine eigene Studienzeit liegt 20 Jahr zurück und die meiner Kinder hat noch nicht begonnen - gefällt mir dieser Artikel ausgesprochen gut:

http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/ein-professor-beklagt-schwache-studienanfaenger-14078432.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Er beschreibt nämlich ein Phänomen, das ich in der heutigen Bildung(spolitik) immer wieder wahrnehme: Der Mut zur Bildung geht verloren. Oder genauer gesagt: Der Mut dazu, es auszuhalten, dass nicht alles schnell und einfach zu vermitteln ist, dass nicht alles schnell und einfach zu verstehen ist.
Doch genau das wird anscheinend an Schulen vermittelt: "Bildung in Häppchen", die dann häppchenweise abgefragt und häppchenweise vergessen werden. Da geht der "lange Atem", aber auch die Lust, am tieferen Verstehen wollen verloren.
Und Verantwortung für das eigene Lernen wird einem an den meisten Schulen sowieso abgewöhnt. Was zählt, ist die Anpassung an das vorgegebenes Tempo und Inhalte.

Und lesen können "die jungen Leute" nicht, weil ihnen auch hier alles häppchenweise vorgesetzt wird. Wann wird den schon gefordert, dass sie einen seiten- oder bücherlangen Text selbstständig lesen und verstehen? Nicht mal im Gymnasium. Dann darf man sich nicht wundern, wenn sie es an der Uni nicht können.

Montag, 15. Februar 2016

Die Erwachsenen tragen die Verantwortung oder: Eine andere Sicht auf Mobbing unter Schülern

Eigentlich bin ich ja kein Juul-Fan, aber der Grundgedanke dieses Artikels gefällt mir sehr gut: Mobbing zwischen Schülern gibt es gehäuft in Schulen, wo sich auch die Lehrer gegenseitig mobben. Und aus eigener Erfahrung füge ich hinzu: Auch an Schulen, wo Lehrer ihre Schüler mobben. (Ja, das gibt es.)
Dahinter steht mangelnde Ausbildung in "Beziehungskultur"und Kommunikation...

http://www.fritzundfraenzi.ch/artikel/news/mobbing-beginnt-nicht-in-den-koepfen-der-kinder/?tx_news_pi1[controller]=News&tx_news_pi1[action]=detail&cHash=2237ca7cddfe0e3d17ff6f7bc7342015

Mittwoch, 20. Januar 2016

Bervormundung durch die Eltern und Selbstständigkeit

Irgendwie verstehe ich das nicht: Auf der einen Seite sollen die Kinder heutzutage möglichst schnell "heranwachsen" und selbstständig werden, ihre Eltern möglichst wenig einengen in ihrer Lebens- und Karriereplanung und am bestern "gar nicht" stören. So z.B. schon mit 21/2 Jahren in den Kindergarten gehen, im Idealfall ohne Widerspruch, ohne Tränen und mit großer Freude, damit sich auch die Eltern gut fühlen.
Schon Volksschulkinder werden angezogen wie Teenager, schminken sich, haben Nagellack und bunte Strähnchen und schauen die gleichen Serien wie 14-jährige. Natürlich haben auch die meisten ein tolles Smartphone.
Je unproblematischer sich die Kinder verhalten, umso besser - denn dann müssen sich die Eltern auch nicht übermäßig mit dem Kind befassen. Am besten, das Kind ist so, wie es sich die Eltern wünschen.

Anstatt diese Kinder jedoch auch früh in die Eigenverantwortung zu entlassen, gibt es offensichtlich immer mehr Eltern, die das nur schwer schaffen und noch weit jenseits der 18-Jahre-Grenze in das Leben ihrer "Kinder" eingreifen und mitbestimmen wollen.
Welche Ängste plagen diese Eltern? Dass sie als Rabeneltern dastehen, weil sie ihre "Kinder" nicht unterstützen? Dann haben die das Wort "Unterstützung" falsch verstanden.
Dass sie alleine dastehen? Dann missbrauchen sie die Kinder für ihre eigenen Zwecke.
Dass die Kinder nicht alleine zurecht kommen werden? Dann haben sie in den 18 Jahren Erziehung etwas falsch gemacht.
Denn "erfolgreiche" Erziehung kann immer nur Erziehung zur Eigenverantwortung sein.


Montag, 18. Januar 2016

Helikoptereltern erobern die Uni!

Ich weiß ja nicht, wie das die jungen Menschen heute sehen, aber ich hätte mich in Grund und Boden geschämt, wenn meine Mutter auf der Uni aufgetaucht wäre. Und dass ELTERN - egal ob mit oder ohne "Kind" - in der Sprechstunde eines Uni-Professors auftauchen, finde ich nur absurd.
Lasst eure "Kinder" los, die haben nämlich ein Recht darauf und erzieht sie so, dass sie mit spätestens 18 Jahren die Verantwortung für ihr Leben übernehmen können.
Das ist nämlich eine gute Erziehung - und nicht, die "Kinder" ewig zu bevormunden.

Dazu der Artikel aus der FAZ: Achtung, Elternalarm!

Freitag, 15. Januar 2016

Wer ist für die erfolgreiche Absolvierung des Studiums verantwortlich: Student oder Uni?

Ich wundere mich immer wieder: Auch das wäre zu meiner Studienzeit (ist schon ein bisserl her ;-)) ganz klar gewesen: Wer nicht die notwendigen Leistungen erbringt (weil er nicht die nötigen Kompetenzen für sein Studium hat) wird "rausgeprüft".
Und zwar ganz ohne Vorwarnung und Beratungsgespräche.
Jetzt geht das anscheinend nicht mehr, weil man dann das gesetzte Ziel - eine Steigerung der Akademikerquote - verfehlt.
Jetzt wird begleitet und beraten, und den Studenten werden z.T. in der Studieneingangsphase die Grundkompetenzen für ihre Studium beigebracht. In Psychologie heißt das z.B. Supervised Orientation Tutorien.
Keine Frage, einige wenige Studenten brauchen (aus welchen Gründen auch immer) persönliche Beratung und Begleitung. Aber die Mehrheit sollte in der Lage sein, sein Studium selbst in die Hand zu nehmen und zu organisieren. Und sich eventuelle fehlende fachliche Kenntnisse selbstständig anzueignen.
Studenten, werdets erwachsen!


Dazu der Artikel aus der FAZ: Überforderte Studenten

Mittwoch, 13. Januar 2016

Was ich mir von der Schule für meine Kinder wünsche


Ich wünsche mir,


dass meine Kinder am Ende ihrer Schullaufbahn immer noch Freude am Lernen haben,

dass sie gelernt haben wie sie persönlich am effektivsten lernen können.

Ich wünsche mir,


dass sie Vertrauen in ihre Fähigkeiten haben,

dass sie sich mit Mut und Engagement den Herausforderungen des Lebens stellen,

dass sie in großen Zusammenhängen denken können und sich ihrer Verantwortung bewusst sind, im kleinen und im großen,

dass sie wissen, welchen Werten sie sich verpflichten wollen und diesen treu bleiben (auch wenn sie nicht meine Werte übernehmen)

dass sie ihre Begabungen in einer Weise umsetzen können, die ihren Vorstellungen entspricht und die sie glücklich macht.



Dass Schule das nicht alles garantieren und leisten kann, ist mir völlig klar und ich bin bereit, auch meinen Beitrag zu leisten. Aber ich hätte halt gerne, dass Schule zumindest nicht dagegen arbeitet, in dem sie zum Beispiel die Lernmotivation meiner Kinder zerstört. Oder jeglichen Ansatz von kritischem Denken oder Kreativität zerstört.

Montag, 11. Januar 2016

Aufgabe der Schule: Wissen vermitteln und Persönlichkeit bilden

Ausgehend von den letztens hier besprochenen Bildungsplänen der Industriellenvereinigung (Nach der Reform ist vor der nächsten Reform) stelle ich mir - wieder einmal - die Frage, was Schule unseren Kindern beibringen soll. Oder: Wie unsere Kinder sein sollen, wenn sie aus der Schule ins Leben entlassen werden.
Was mir dabei persönlich wichtig ist, ist die Balance zwischen Wissen und Persönlichkeit: Auf der einen Seite dient Schule ohne Frage der Vermittlung von Grundkenntnissen in verschiedenen Bereichen. Hier spielt sie die Rolle eines „Türöffners“, der SchülerInnen mit unterschiedlichen Bereichen in Kontakt bringt und ihnen jeweils ein gewisses Grundlagenwissen vermittelt. Dieses Wissen ist meiner Meinung nach wichtig, um sich in der Welt zurechtzufinden und sich als historischen und politischen Menschen in den entsprechenden Zusammenhängen zu begreifen. Und dazu gehören für mich auch Fächer wie Geschichte, Geografie und Religion.
Auch die sogenannten kreativen Fächer - also Musik, Werken und Bildnerische Erziehung - ermöglichen den SchülerInnen Erfahrungen zu sammeln, die sonst in dieser Form nicht allen zugänglich wären. Außerdem ermöglicht ein Basiswissen auch hier ein besseres Verständnis der musikalischen und bildnerischen Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen.

Die kreativen Fächer dienen aber, neben der Wissensvermittlung, auch der „Selbsterfahrung“: Die SchülerInnen können hier - wenn der Unterricht gut gestaltet ist - in Kontakt mit ihrer individuellen Kreativität kommen und sich als „Schaffende“ erleben.

Diese persönlichkeitsbildende Aufgabe fällt aber eigentlich allen LehrerInnen zu: In meiner Vorstellung vom Schulsystem (der Zukunft) sind sie nicht nur Wissensvermittler - und die meisten LehrerInnen würden wohl die Unterstellung, dass ihre einzige Aufgabe die Vermittlung und das Abprüfen festgelegter Inhalte ist, sowieso heftig von sich weisen. Neben der Vermittlung des Lernstoffes sind sie ständig auch ein Vorbild für die Kinder: Wie sie mit ihren SchülerInnen umgehen, wie sie mit ihren Kollegen umgehen, welchen Kommunikations- und Diskussionsstil sie pflegen, wie viel sie ihren SchülerInnen zutrauen, wie sie mit eigenen Fehlern umgehen usw.

Wenn LehrerInnen aber auch eine entscheidende Rolle in der Persönlichkeitsentwicklung ihrer SchülerInnen haben - und diese Rolle fällt ihnen schon allein durch die vielen Stunden zu, die sie mit den SchülerInnen verbringen - dann sollte man LehrerInnen auch dafür ausbilden.

PS: Eine umfassende Bildung der Persönlichkeit ist m.E. übrigens nur in Verbindung mit einer umfassenden Wissensvermittlung notwendig, denn schließlich braucht der Geist „Input“, aus dem er lernen kann und an dem er sich erproben kann. So vermittelt z.B. jedes literarische Werk Einblick in die Sichtweise, das Erleben eines anderen Menschen.

Donnerstag, 7. Januar 2016

Nach der Reform ist vor der nächsten Reform


Grundsätzlich kann ich dem Vorschlag der Industriellenvereingung zur Einführung neuer Schulfächer durchaus etwas abgewinnen. Die Zusammenlegung der Fächer Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Werken zu einem neuen Fach „Science and technology“ kann Sinn machen - „fächerübergreifende Projekte“ sind deutlich einfacher zu organisieren, es wird vermieden, dass SchülerInnen die gleichen Inhalte (z.B. den Aufbau des Atoms) mehrmals in unterschiedlichen Fächern lernen, Mathematik ist bei der Auswertung verschiedener Experimente von großem Nutzen...

Auch die Einführung eines gänzlichen neuen Faches „Demokratie, Werte, Ethik“ eröffnet in einer pluralistischen Gesellschaft vielversprechende Perspektiven - die natürlich nur dann tragfähig sein können, wenn Inhalte entsprechend ausgewählt und LehrerInnen dafür ausgebildet werden. Denn gerade in diesem Fach wird Kommunikation und Diskussion sowie das Zulassen von Werte- und Meinungsvielfalt gefragt sein - alles nicht gerade Schwerpunkte der pädagogischen Ausbildung und daher auch nicht die Highlights an unseren Schulen (rühmliche Ausnahmen gibt es immer). Auch ein Mehr an wirtschaftlicher Bildung würde den österreichischen SchülerInnen nicht schaden - auch wenn ich persönlich bezweifle, dass das Wirtschaftssystem noch sehr lange auf der Grundlage von ständigem Wachstum weiter funktionieren kann..

Weniger erfreulich die andere Seite der Medaille: Um diese neuen Ideen zu verwirklichen, muss logischerweise der Lehrplan „ausgemistet“ und von sogenanntem totem Wissen befreit werden. Welche Fächer bzw. welche Inhalte damit gemeint sein könnten, darüber schweigt der Vorstoß der IV bislang noch. Es gibt sogar ein Bekenntnis zur Allgemeinbildung, die „durchaus notwendig sei“.

Man kann sich aber relativ leicht ausrechnen, welche Fächer aus der Sicht der IV besonders viel „Unnützes“ bergen (weil ihre Inhalte in der Wirtschaft nicht direkt zu verwerten sind): Bildnerische Erziehung, Musik, Geografie, Geschichte, auch der Sprachunterricht kann deutlich gekürzt werden, wenn man „alles Literarische“ weglässt.

Das ist schade und geht aus meiner Sicht am Wesentlichen vorbei: Gerade die Vielfalt des Wissens, mit dem unsere SchülerInnen während ihrer Schulzeit konfrontiert werden, öffnet viele Bereiche, konfrontiert sie mit unterschiedlichen Denkansätzen und kann ihnen - im besten Fall - helfen, eine kritische Denkweise zu entwickeln, ihre Kreativität zu entfalten und zu ihrer persönlichen Weltsicht zu gelangen.

So ausgebildet und gebildet, dürfte es ihnen in weiterer Folge leicht fallen, einerseits die Werte zu leben, die sie als ihre eigenen annehmen und andererseits werden sie dann auch in der Lage sein, die praktischen Anforderungen des Lebens (z.B. das Ausfüllen einer Steuererklärung oder die Eröffnung eines Kontos) zu meistern.

So gesehen wäre es billiger und einfacher - das könnte ganz ohne Revolution im Bildungssystem passieren - sich auf diese Grundwerte zurückzubesinnen und zu überlegen, wie man sie SchülerInnen im 21. Jahrhundert angemessen vermitteln kann.

Artikel aus der Presse: Industriellenvereinigung-will-Schulfaecher-komplett-umkrempeln

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Sind Hausaufgaben pädagogisch sinnvoll?

Nochmal ein Artikel zum Thema Hausaufgaben, diesmal aus langjähriger  "Vatererfahrung" gesehen - und daher gegen Hausaufgaben:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/schule/lernen-nach-dem-unterricht-hausaufgaben-sind-paedagogischer-unsinn/12659376.html

Wo ich voll und zustimme: Eltern sollten nicht zu den "Erfüllungsgehilfen" der Lehrer gemacht werden, denn das ist NICHT ihre Aufgabe. Und es verstärkt das soziale Gefälle, weil Eltern mit höherer Schulbildung i.a. mehr Wert auf gemachte Hausaufgaben legen und ihre Kinder besser unterstützen können.


Montag, 30. November 2015

Hausaufgaben: so alt wie die Schule


Dass die Schulpflicht in Österreich unter Kaiserin Maria Theresia eingeführt wurde und dass sich die Organisation eben dieser Schule an den Notwendigkeiten des Militärs (und später der Arbeitswelt) orientiert, ist allgemein bekannt.
Auch die Idee mit den Hausaufgaben stammt aus diesen "historischen" Zeiten und scheint auf ewige Zeiten mit der Schule verknüpft.
Wie bei so vielen anderen Dingen, die "schon immer so waren" wird auch hier kaum hinterfragt, wie sinnvoll die Hausaufgaben eigentlich sind.
Vereinzelte pädagogische Experimente dürften eher gegen den Nutzen von Hausaufgaben sprechen und an einigen Volksschulen hat sich diese Erkenntnis schon durchgesetzt.

Ich glaube (wie bei so vielen anderen Themen auch), dass man die Hausaufgaben differenzierter sehen muss. So brauchen wahrscheinlich die allermeisten Kinder beim Schreiben und Lesen lernen wiederholtes Üben, bis die Abläufe so gefestigt sind, dass sie automatisch ablaufen. Wie weit diese Übung in der Unterrichtszeit Platz findet, hängt vom Lehrer, der Klasse, dem Kind ab. Muss aber zuhause geübt werden, zeichnet sich die soziale Ungleichheit ab: Sozio-ökonomisch besser gestellte Kinder werden von ihrem Eltern mehr Unterstützung bekommen.
Andererseits: Wird alles im Unterricht geübt, werden sich manche Kinder langweilen (und das sind dann eben die sozial besser gestellten Kinder, die von zuhause - mit oder ohne Hausaufgaben - mehr gefördert werden.)

Sinnvoll wäre - so wie auch im Unterricht - eine Differenzierung der Hausaufgaben, denn kein Kind lernt etwas, wenn es stur das nochmals macht, was bereits in der Schule (meist mehrmals) gemacht wurde. Oder wenn es noch 20 Malrechnungen macht, die es eh schon kann.
Ja, das bedeutet einen Mehraufwand für den Lehrer, keine Frage - doch in Zeiten, wo eine derartige Fülle an Übungsaufgaben zur Verfügung steht, wie noch nie zuvor - kann es nicht so aufwändig sein, zu den verschiedenen Unterrichtsgebieten eine Art "Aufgabenpool" zusammen zu stellen, aus dem die Schüler selbstständig die Aufgaben wählen.
Zumal diese Pool klassenübergreifend genutzt werden könnte, und sicher auch nach 4 Jahren nichts an Aktualität verloren hätte.

Hier noch ein - zugegebenermaßen einseitiger - Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/schulspiegel/hausaufgaben-das-ist-hausfriedensbruch-a-1062094.html

Montag, 23. November 2015

"Jetzt kann ich sein, was immer ich sein will" - Übers "Verkleiden spielen"



Letzte Woche im Postkasterl: Die bunte Broschüre des allseits bekannten schwedischen Möbelhauses, Thema: Die neue Spielkollektion.

Auf der ersten Seite ein tolles Puzzle, das aus großen UND kleinen Steinen besteht. So können Erwachsene und Kinder mit gleichen Chancen und gleichem Spaß gemeinsam puzzeln. Finde ich eine sehr gute Idee, nur das Motiv ist für meinen Geschmack etwas seltsam. Leider gibt es nur eines.

Auf den nächsten Seiten allerlei nette Sachen zum Musikmachen und zum Spielen. Bei der Plastikschnur zum Schnurspringen, den Plastiksäcken zum Sackhüpfen und den Pappbechern zum Dosenschießen bin ich ein bisserl verwundert. Als ich ein Kind war, mussten dafür noch leere Joghurtbecher, alte Jutesäcke (ach ja, die gibt es im Plastikzeitalter nicht mehr) und ein Stück alte Schnur herhalten. Das hat uns, soweit ich mich erinnern kann, nicht gestört. Im Gegenteil. Die Suche nach passenden Sachen war schon Teil des Spiels.

Auf der Seite mit den Verkleidungssachen ist meine Irritation perfekt: Lauter seltsame Gestalten – ein Roboter, eine Fledermaus, ein Adler und ein weißgekleidetes Mädchen, das sich nach Lektüre der Produktbeschreibung als Königin entpuppt (und zwar mit einem Königinnenkragen, Königinnenärmeln und einem Krinolinenrock, alles in dezentem Weiß. In meiner Kindheit hatten Königinnen noch eine möglichst auffällige Krone und einen Umhang, im Idealfall in Rot...

Rechts unten ein Bub mit einer riesigen, türkisen Haube: Was soll das denn bitte sein? Aha: eine Hirnhaube. Und als was, bitte schön, verkleidet man sich mit einer Hirnhaube?!!

grundsätzlich ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn Designer und Designerinnen ihre Ideen auch bei der Spielzeugentwicklung einfließen lassen.
Nur wollen Kinder meistens Rollen spielen, die sie aus Märchen – ja, es gibt noch Familie, wo Kleinkinder Märchen kennenlernen und das ist gut so – und aus Geschichten kennen. Also Prinzessin, Hexe, Ritter, König, Fee. Oder Pirat, Gespenst, Feuerwehrmann, Polizist, Lokführer.
Dass gerade diese Figuren bei Kindern so beleibt sind und schon von mehreren Generationen von Kindern immer wieder gespielt werden, liegt daran, dass diese Rollen bestimmte Funktionen aus dem Leben und der menschlichen Geist darstellen. Eben den Helden, den Retter in der Not oder die hilflose Prinzessin, die sich retten lässt.
Diese verschiedenen Rollen immer wieder ausprobieren und darin erleben zu können, ist ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Entwicklung und darum sollte jedes Kind dazu die Möglichkeit haben.

PS. Zum Verkleidenspielen reichen oft einige wenige, typischen Utensilien wie Krone, Schwert, Helm. Alles andere lässt sich aus Mamas und Papas Kleiderschrank ergänzen. Oder ausrangierte Kleidungstücke wandern nicht in den Müll sondern in die Verkleidungskiste. Gerade die Tatsache, dass nicht alles vorgefertigt zur Verfügung steht, beflügelt die Phantasie!

Freitag, 20. November 2015

Wer hat die besten Abi-Noten?

Das finde ich als Österreicherin interessant: 1. dass die Noten aus der Oberstufe in den Abitur-Noten-Durchschnitt einberechnet werden. Das gibt es bei uns nicht, da zählen nur die Maturanoten.
Allerdings interessieren die auch keinen wirklich, weil wir ja in Österreich keinen Numerus Clausus haben.
2. dass es solche gravierenden Unterschiede zwischen den Bundsländern gibt. Denn eines der Argumente für die Zentralmatura war es ja, dass es "in allen anderen EU-Ländern" eien Zentralmatura gibt.

http://www.spiegel.de/schulspiegel/abitur-in-deutschland-hier-haben-schueler-die-besten-noten-a-1063405.html

Sonntag, 8. November 2015

Verstehen Kinder moralische Werte?

Lügen, Zündeln, im Laden schnell mal was mitgehen lassen, ein paar Münzen aus Mamas Geldbörse nehmen - sind das große Katastrophen, die Vorboten dafür sind, dass diese Kinder auf die schiefe Bahn geraten werden? Oder ist es ganz normal, dass Kinder das mal "ausprobieren"?

Es wurde lange angenommen, dass Kleinkinder und Kindergartenkinder noch gar keine Vorstellung von moralisch richtigem Verhalten haben können, weil sie sich gedanklich noch nicht in die Rolle eines anderen Menschen hineinversetzen können.
Das stimmt - doch dabei wurde übersehen, dass Kinder - und zwar quasi von Geburt an - durch Mitleben und Beobachten lernen. Egal, wie klein sie sind, sie versuchen, die Regeln zu erkennen, nach denen das Zusammenleben in ihrer Familie funktioniert, denn der Mensch ist ein zutiefst soziales Wesen.

Daher kann bei der Vermittlung moralischer Werte nur eines gelten: Diese Werte selber leben, und zwar jeden Tag und immer wieder, auch wenn es für uns Erwachsene ganz schön fordernd sein kann. Wer sich am Telefon verleugnen lässt, gibt den Kind zu verstehen, dass man es mit der Wahrheit nicht immer so ernst nehmen muss...

PS. Hinter dem Zündeln steckt meist einfach nur Neugier. Da hilft es, dem Kind Möglichkeiten zu geben, sicher mit Feuer zu spielen ;-).


Artikel aus der SZ: http://www.sueddeutsche.de/leben/erziehung-wie-man-kindern-moral-beibringt-1.2721416

Freitag, 23. Oktober 2015

"Jedes Kind ist hoch begabt" von Gerald Hüther und Uli Hause



Diese Autoren sind Meister der Verallgemeinerung. Das schade, denn beim Lesen entsteht bei mir so eine Art Groll und dann nehme ich das, was an Richtigem gesagt wird, auch nicht mehr wahr und ernst.

5 Seiten gelesen – und schon die erste Irritation. Die Autoren schreiben über Talente-Scouts im Sport – und relativieren dann ihren Nutzen, „weil gerade die weltbesten Fußballer keine überragende Körpergröße haben“. Hat ja auch keiner gesagt, davon war nirgends im Text die Rede. Und ich nehme an, dass die Fußball-Trend-Scouts das auch wissen und nicht nach Körpergröße auswählen.
So geht es munter weiter: Wer große Hände hat, ist begriffsstutzig. Sehr nett. Und zwar, weil sich schon im Mutterleib die Nervenverbindungen bilden und diese bei Personen mit großen Händen anders sind als bei Menschen mit kleinen Händen. Aha. Hier hätte ich gerne einen wissenschaftlichen Nachweis. Also dass Menschen mit großen Händen erstens ungeschickt und zweitens „schwer von Begriff“ sind. Und zwar quasi von Geburt an.
Oder: „Gerade unter den Menschen, die mit einer Behinderung ins Leben gehen, erbringen viele besondere Leistungen.“ Auch diese Aussage braucht m.E. einen Beweis. Natürlich gibt es „Menschen mit Handicap“, die Tolles leisten – aber sind es prozentual tatsächlich mehr als bei den „nicht-behinderten“?
Manche Menschen sind zu besonderen kognitiven Leistungen fähig – aber ihr analytisches Denken ist nur eine Kompensation für ihre Unfähigkeit, Gefühle zu erkennen. AHA. Das Klischee vom „sozial unfähigen Genie“ konnten sie natürlich nicht auslassen...

Interessant auch seine Erklärung für besondere Begabungen: Mozart – so sein Beispiel – wurde deswegen ein genialer Komponist, weil seine Mutter sich immer entspannt hat, wenn der Vater musizierte. So hat der kleine Mozart schon im Mutterleib gelernt, dass Musik „gut tut“, die entsprechenden Nervenverbindungen bildeten sich und daher hat er sich später selbst mit Musik beschäftigt. Kann sein oder auch nicht. Müsste man nachweisen, dass viele Komponisten/Musiker auch musizierende Eltern hatten.
Und dann soll er mir bitte nach diesem Muster erklären, wie kognitive Hochbegabung entsteht!

Wenn man über diese Schwächen und das absolute Fehlen von Fußnoten und Referenzen (auch für Zitate) hinwegsieht, entdeckt man vieles, wo das Buch Recht hat. Zum Beispiel, dass jedes Kind das angeborene Bedürfnis nach Bindung an eine Bezugsperson hat. Dass jedes Kind mit der Fähigkeit zu lieben auf die Welt kommt. Dass es sich in einer guten Beziehung besser lernt als ohne. Dass Kinder von Natur aus neugierig und kreativ sind. Usw. Aber nichts davon ist neu – und nichts davon wird irgendwie stichhaltig belegt. Im Großen und Ganzen erzählt er, was jeder an seinen Kindern beobachten kann.
Auch auf gesellschaftlicher Ebene erzählt er nichts Neues: Dass viele Ehen zerbrechen, dass es wenig Platz für Kinder gibt, wo sie spielen können, dass Eltern aufgrund ihrer Arbeitssituation im Stress sind usw. - all das ist hinlänglich bekannt. Da finde ich es wenig sinnvoll, mit diesen „Erkenntnissen“ Seite um Seite zu füllen.
Dazwischen dann wieder ein Gedanke, wo ich sage: Ja, das stimmt – zum Beispiel, dass Kinder sich am besten entwickeln, wenn sie Vertrauen in sich selbst, in nahe Bezugspersonen und in die Welt an sich haben. Aber da fehlen mir dann die Ideen, wie man dieses Vertrauen in den Kindern stärken kann – und zwar eben unter den „Einschränkungen“, die das moderne Leben mit sich bringt. Da würde das Buch dann nützlich werden.

Mit Erkenntnissen aus dem modernen Leben (Bilderflut, Reizüberflutung, Verlust des Mitgefühls usw.) geht es durch den Mittelteil des Buches – dann endlich, das letzte Kapitel: Für ein Leben in Fülle: Was unsere Kinder wirklich brauchen? Kommt jetzt endlich, auf den letzten 15 Seiten etwas Hilfreiches? Etwas Alltagstaugliches? Leider nein, ich habe nur wenige Sätze gefunden, die uns nun sagen, was geschehen soll: Nämlich Wut-Eltern werden und uns gegen das wehren, was unseren Kindern zugemutet wird. Aha. Über das Wie schweigen die Autoren. Die zweite konkrete Idee: Schulen sollen so werden, dass den Kindern Vertrauen, Ermutigung und Wertschätzung entgegengebracht wird. Ja, da bin ich auch dafür – doch auch hier fehlen die konkreten Ideen.

Auf den letzten Seiten schildern die Autoren von einem „Experiment“ mit 11 ADHS-Kindern, die einen Sommer lang auf einer Selbstversorgeralm lebten. Es ist schön zu hören, wie sich diese Kinder dort positiv entwickelt haben, und das illustriert die Formbarkeit der (kindlichen) Persönlichkeit. Viel interessanter und mit einem Nutzen für deutlich mehr Kinder wäre es aber, wenn die Autoren ein paar konkrete Vorschläge hätten, was Eltern (und Lehrer) nun denn KONKRET tun können, damit Kinder in der Welt, in der wir nun eben leben, ihr Ur-Vertrauen, ihr Mitgefühl und ihre Kreativität nicht verlieren.

PS: Auch wenn man es wegen des Titels erwarten würde: Kognitive Hochbegabung im Sinne von „IQ ab 130“ kommt im Buch nirgends vor.
PPS: Ich habe schon lange kein Buch gelesen, in dem derart viele Ein- und Zweiwortsätze vorkamen. Das fand ich extrem mühsam. Außerdem hätten einige Querverweise und Referenzen auf andere Bücher/ Studien der Wissenschaftlichkeit und der Glaubwürdigkeit gedient.

Montag, 5. Oktober 2015

So spricht der Bildungsphilosoph - Interview mit Matthias Burchardt im Standard

Ich weiß zwar nicht genau, was ein Bildungsphilosoph ist und womit er sich konkret beschäftigt. Ich verstehe auch nicht bei allem, was er sagt, ganz genau was er meint...
In einem hat er aber Recht, auch wenn es natürlich polemisch formuliert ist, wenn er sagt „Lernen muss nicht Spaß machen“. Es stimmt, dass Lernen nicht immer Spaß machen kann, denn wer lernt schon mit Spaß Lateinvokabel oder denkt physikalische Experimente und Formeln durch. Lernen kann aber Freude machen, selbst dann, wenn der Prozess anstrengend und mühsam war: Richtige Freude erlebt der Lernende (und das gilt für Kinder und Erwachsene) wenn er dank des Lernens in der Lage war, eine herausfordernde Aufgabe zu bewältigen. Und daran wächst das Selbstbewusstsein, daran wächst die Freude am weiteren Lernen und daran wächst die Persönlichkeit. Wenn er das mit „Leistungsstreben“ meint, gebe ich ihm voll und ganz recht.
Wo ich ihm nicht zustimme, ist, wenn er schreibt, dass die Eltern nicht das Recht haben von der Schule eine gewisse Leistung einzufordern. Es stimmt, die Schule ist keine Anstalt zur „Humankapitalverbesserung“, aber die Schule ist der Ort, wo die Kinder lernen sollen und das Lernen lernen sollen. Und genau das dürfen, ja müssen Eltern für ihre Kinder von der Schule fordern.
Ach ja, und das Kind dort abholen, wo es steht finde ich auch nicht so schlecht – denn das heißt ja, dass sich Lehrer und Kind dann gemeinsam auf ein Ziel hinbewegen. Das find´ ich gut. Wieso sollt der Lehrer stehen bleiben und sich das Kind auf ihn zu bewegen sollen?!
PS. Latent unterstellt der Artikel allen Kinder, faul zu sein („und Wissenschaftern, die in einer reformpädagogischen Richtung denken, man möge den Kindern nichts zumuten, damit sie sich möglichst frei entfalten.“; „pädagogische Irrwege, wie das selbstgesteuerte Lernen“). Ich glaube, dass Kinder die selbstbestimmt ihren Interessen nachgehen, das sehr intensiv tun und sich dafür gerne und freiwillig anstrengen (wahrscheinlich mehr als das der Schulunterricht erreicht).